Nachhaltigkeit Nähen

BIO… logisch!

16. Januar 2016

Ob es sich auszahlt, selber Kinderkleidung zu nähen… das werde ich oft gefragt. Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es meines Erachtens nicht. Nachdem ich mich intensiv damit auseinander gesetzt habe, welche Chemikalien bei der Herstellung konventioneller Stoffe verwendet werden, kaufe ich für meine DIY-Projekte hauptsächlich Biostoffe.

Ist es für dich in Ordnung konventionell hergestellte Kleidung zu tragen, dann rechnet es sich nicht.
Kauft man „richtige“ Biokleidung, rechnet es sich definitiv… vorausgesetzt, man hat eine kreative Ader und Spaß daran Dinge selbst herzustellen.

Vergleicht man ein selbstgenähtes Kleidungsstück für Kinder mit den aus Biobaumwolle hergestellten Shirts, Pullis, Hosen, etc. von bekannten Modegeschäften (von billig bis teuer) oder auch Diskontern, rechnet es sich absolut. Warum das? Weil die dort als „Bio“ beworbenen Kleidungsstücke meist ganz und gar nicht „Bio“ sind… zumindest so, wie ich für mich selber diesen Begriff verstanden haben möchte. Hier liegt, entsprechend der Kategorie im Pfefferblog… der Hase gewaltig im Pfeffer!

rabbit

Beispielsweise sagt die Verwendung von „Organic Cotton“ nichts über die Chemikalien aus, welche bei der Weiterverarbeitung zu Stoffen verwendet werden. Dazu gehören, neben krebserregenden Stoffen auch solche, die auf Wachstum und Entwicklung und auf das Hormonsystem Einfluss nehmen. Weiters welche, die Leber, Schilddrüse und das zentrale Nervensystem schädigen können. Andere sind hochgiftig für Wasserorganismen und können auch beim Menschen organschädigend wirken. Zum Drüberstreuen gibt’s dann noch Schwermetalle, die ebenfalls alles andere als gesund sind.

Lese über die gefährlichsten Substanzen in der Textilindustrie bei Greenpeace.

Daneben sind für mich persönlich auch soziale Mindeststandards wichtig.

Beschäftigt man sich also näher mit dieser Thematik, bin ich der Meinung JA, es zahlt sich auf alle Fälle aus, die Kleidung aus Stoffen mit einem qualitativ hochwertigen Standard zu nähen. Zudem macht es Spaß und der Sohnemann hat große Freude an den schönen Stoffen (momentane Favoriten: Bagger und Tiere).

 

Was sagen Zertifizierungen aus?

Im folgenden findest du einen Überblick über die gängisten Zertifizierungen:

Ökotex 100

Gibt – anders als oft vermutet – keinerlei Garantie über biologische Produktion. Diese Stoffe bzw. in weiterer Folge Kleidungsstücke wurden sorgar nicht selten ganz konventionell produziert.

Die Zertifizierung umfasst eine Prüfung auf

  • gesetzlich verbotene Substanzen
  • gesetzlich reglementierte Substanzen
  • bekanntermaßen gesundheitsschädliche Substanzen
  • Parameter zur Gesundheitsvorsorge

Bei der Prüfung werden vier Produktklassen unterschieden und sind abhängig davon, wie intensiv der Hautkontakt während des Textilgebrauchs ist (von Babyartikeln bis Ausstattungsmaterialien wie Vorhänge).

Was sich im Detail hinter Ökotex 100 verbirgt, findst du hier.

GOTS

GOTS-zertifizierte Textilien müssen zu 70 % aus biologisch erzeugten Naturfasern bestehen (sprich, solche aus kontrolliert biologischem Anbau oder kontrolliert biologischer Tierhaltung (kbA bzw. kbT). Die verwendeten chemischen Zusätze müssen darüberhinaus strenge umweltrelevante und toxikologische Kriterien erfüllen. Zusätzlich werden bei diesem Zertifikat auch umwelttechnische Belange und die Einhaltung von Sozialkriterien während der gesamten Produktion auf einem entsprechendem Niveau definiert.

Als „Bio“ bzw. als Textilien mit der Kennzeichnung „kbA/kbT“ müssen sogar aus mindestens 95 % kontrolliert erzeugten Fasern bestehen.

Details zur aktuellen GOTS Version 4 gibt’s hier.

Fairtrade Certified Cotton

Dieses Zertifikat sagt ebenfalls nichts darüber aus, ob es sich hier um Rohstoffe aus kontrolliert biologischem Anbau bzw. Tierhaltung handelt. Der Fokus liegt hier auf den Arbeitsbedingungen sowie den sozialen Kriterien des Firmenstandortes.

Zu den sozialen Kriterien zählen:

  • Gesetzliche Mindestlöhne
  • Den Aufbau von Schulsystemen oder medizinischer Basisversorgung mit Prämien ermöglichen
  • Arbeitsrechtliche Mindeststandards sowie Verbot von ausbeuterischer Kinderarbeit und Zwangsarbeit
  • Garantierte Mindestpreise über dem Weltmarktniveau
  • Ursprungsgarantie und kontrollierter Warenfluss nach Europa
  • Direkter Handel und Förderung von kleinbäuerlichen Strukturen
  • Bei Bedarf Vorfinanzierung der Ernte
  • Langfristige Abnahmegarantien

Die ökologischen Kriterien umfassen:

  • Verbot von gentechnisch veränderten Organismen
  • Naturnahe und nachhaltige Anbaumethoden
  • Schutz natürlicher Gewässer und des Regenwaldes
  • Gezielte Förderung von biologischem Anbau durch Prämien
  • Abfallvermeidung und umweltgerechte Entsorgungumweltschonende Verpackung

Genauere Informationen gibt’s hier

Naturtextil IVN zertifiziert BEST

Dieser Standard liegt einiges über der Gesetzgebung der EU und weißt die höchsten Ansprüche an textile Ökologie auf. BEST bezieht sich – in ökologischer und sozialverantwortlicher Hinsicht – auf die gesamte textile Produktionskette. Eine Einschränkung der Produkte wird zur Wahrung der Standards dabei bewusst in Kauf genommen.

Die Richtlinien für BEST schreiben vor, dass ein Betrieb über eine „Umweltpolicy“ mit Maßnahmen zur Minimierung und Überwachung von Abfall und Umweltbelastungen und Pläne für Fälle von Abfall- und Verschmutzungsvorfällen oder Dokumentationen zur Ausbildung des Personals zum sparsamen Umgang mit Wasser und Energie, zur richtigen und minimalen Verwendung von Chemikalien und ihrer korrekten Entsorgung sowie Programme zur Verbesserung des Betriebsablaufs in dieser Hinsicht.

Die Grundlage für Textilien aller Art bilden zunächst einmal die Fasern aus denen sie hergestellt sind. Deshalb legt das Qualitätszeichen BEST besonderes Augenmerk darauf. Bei BEST muss die Fläche einer Textilie (also das eigentliche Gewebe oder Gestrick ohne Zutaten wie Reißverschlüsse, Bündchen, Einlagen, Futter, Knöpfe etc.) zu 100% aus Naturfasern bestehen, die aus kontrolliert biologischem Anbau (kbA) oder kontrolliert biologischer Tierhaltung (kbT) stammen. Synthetische Fasern, wie z. B. Elasthan, Polyacryl oder Viskose dürfen nur zu höchstens 5% bei Zutaten oder in Ausnahmefällen bei elastischen Stoffen eingesetzt werden, wie beispielsweise bei Bündchen oder Spitze.

In allen Produktionsstufen können gefährliche Substanzen eingesetzt werden, die aber bei BEST zertifizierten Textilien verboten oder nur extrem eingeschränkt zugelassen sind. Die Richtlinie 67/548/ der EU führt eine große Zahl einzelner Gefahrstoffe auf und gibt für jeden dort gelisteten Stoff eine gesetzliche Einstufung und Kennzeichnung vor. Hierbei handelt es sich um die sogenannten „R-Sätze“, also Risiko-Sätze.
Bei BEST dürfen grundsätzlich keine Substanzen eingesetzt werden, die hier gelisteten sind: krebserzeugend, Erbgut schädigend, Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigend, schädigen für das Kind im Mutterleib, etc. Bestimmte, besonders bedenkliche Substanzen sind dann noch einmal explizit verboten bzw. stark eingeschränkt.

Bei der Auswahl von Farbstoffen, Pigmenten und Hilfsmitteln – natürliche und synthetischen Farb- und Hilfsstoffe sind zugelassen – gilt es darauf zu achten, dass diese den Richtlinien entsprechen und keine der verbotenen Substanzen enthalten. Hierzu gehört auch, dass keine schwermetallhaltigen Farben (Ausnahme für Eisen) oder aminfreisetzende Azofarbstoffe zugelassen sind. Es sind nur Druckverfahren erlaubt, die auf Wasser oder natürlichen Ölen beruhen, keine Ätzdruckverfahren und aromatischen Lösungsmittel.

Sämtliche Betriebe sind per BEST-Standard dazu verpflichtet, festgelegte Sozialstandards einzuhalten, die in den Betrieben vor Ort bei der Kontrolle überprüft werden. Diese orientieren sich an den Kernnormen der International Labour Organisation (ILO): Es gibt keine Zwangsarbeit oder Sklavenarbeit, Vereinigungsfreiheit und Recht auf Tarifverhandlungen werden respektiert, die Arbeitsbedingungen sind sicher und hygienisch, es wird keine Kinderarbeit verrichtet, es werden existenzsichernde Löhne gezahlt, es gibt keine überlangen Arbeitszeiten, es erfolgt keine Diskriminierung, den Arbeitern wird eine reguläre Anstellung angeboten und grobe oder inhumane Behandlung ist nicht erlaubt.

Informationen zu diesem Standard gibt hier.

 

Wo kannst du solche Stoffe beziehen?

Sehr viele Anbieter sind unter http://www.umweltberatung.at/adressen-von-oekostoffen-und-garnen gelistet. Bestimmt findet sich dabei auch etwas in deiner Nähe!

Was kosten Biostoffe?

Die GOTS-Stoffe, welche ich bis dato gekauft habe, haben bei gemusterten (Kinder-)Jersey zwischen 20 und 25 Euro pro Meter gekostet, einfärbige und Bündchenstoffe sind günstiger (beim Online-Kauf kommen natürlich die Versandkosten noch dazu). Baumwollpopeline liegt in einer ähnlichen Preisklasse.

Worauf musst du sonst noch achten?

Es gibt Stoffproduzenten, welche bekannt für ihre GOTS-zertifizierten Produkte sind… trotzdem schwindeln sich hier öfter mal konventionelle Stoffe (zum gleichen Preis) darunter. Achte deshalb einfach auf das Zertifikat und nicht auf den Namen des Produzenten 😉

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